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Die Kolibris | Freie Schule Wetterau e.V.

Offener Brief von Stephanie Richter

Stephanie Richter                                          
63695 Glauburg

16.02.2011

Hessisches Kultusministerium
- Fr. Dorothea Henzler -
Luisenplatz 10
65185 Wiesbaden


Schließung der Freien Schule Wetterau – offener Brief


Sehr geehrte Frau Henzler,

in den vergangenen fünf Jahren war ich als Lehrerin an der Freien Schule Wetterau (FSW) tätig, der zum Halbjahresende per Gerichtsbeschluss im Eilverfahren die Genehmigung entzogen wurde. Ich habe am Konzept der Schule mitgearbeitet sowie Aufbau und Entwicklung von Anfang an begleitet. Hier fand intensives, motiviertes und individuelles Lernen in entspannter und familiärer Atmosphäre statt, ähnlich dem, das an Schulen stattfindet, die in den vergangenen Jahren Preise für „Die beste Schule Deutschlands“ gewonnen haben.
Am Tag vor der endgültigen Schließung führte die ganze Gruppe in der Kita Lukas in Frankfurt erfolgreich ihr selbst entwickeltes Theaterstück auf. Dieser schöne Tag sollte der letzte gemeinsame Schultag sein. Für Kinder, Eltern und Lehrer war die Nachricht über die Schließung unbegreiflich. Fassungslosigkeit, Verärgerung und Verzweiflung, aber auch Hoffnung auf noch folgende Gerechtigkeit treiben alle Beteiligten spätestens seit diesem Tag zur Handlung an.
Die Gründe für die Schließung „zum Wohl der Kinder“ – Kinder hätten Lernziele nicht erreicht und Lehrkräfte seien nicht qualifiziert – sind für mich nicht nachvollziehbar.
Die regionale Presse druckt Leserbriefe von mir und von zufriedenen Eltern und Kollegen nicht ab. Im Rahmen der Gerichtsverhandlung wurden weder Kinder, noch zufriedene Eltern, noch an der Schule beschäftigte Lehrkräfte gehört.

Um den Fall öffentlich zur Diskussion zu stellen, wende ich mich nun in einem offenen Brief an Sie.
Die Schließung der Schule macht mich sehr betroffen. Weniger, was den Verlust meiner Arbeitsstelle als solche betrifft – ich kann in Kürze meine nächste Tätigkeit beginnen. Vielmehr macht mich betroffen, dass Kinder, die zu einer Gruppe zusammengewachsen sind, nun nicht mehr an diesem ihnen vertrauten Ort gemeinsam mit ihren Freunden und den vertrauten Bezugspersonen die Lust am Begreifen erleben können.
Es gab einige Kinder, die Lernziele nicht erreicht haben. Unterschlagen wird aber, dass die FSW bevorzugte Anlaufstelle von Eltern war, deren Kinder bereits Auffälligkeiten zeigten. Sowohl Schulanfänger als auch Quereinsteiger aus anderen Schulen kamen mit teilweise erheblichen Teilleistungsschwächen und gravierenden psychischen Problemen in die Freie Schule Wetterau. Deren Eltern hatten meist – getrieben von gesellschaftlichem Druck und Sorge um die Zukunft – überzogene Erwartungen an die kognitiven Erfolge ihrer Kinder in der Freien Schule, die ihnen trotz regelmäßig stattfindender und eingehender Elterngespräche nicht genommen werden konnten. Fortschritte im Bereich der sozialen Kompetenzen und Rückgang der psychischen Probleme waren dagegen für alle Eltern deutlich sichtbar. Kinder ohne Teilleistungsschwäche erreichten Lernziele problemlos – heute finden sich nicht wenige Abgänger der Freien Schule Wetterau auch auf dem Gymnasium wieder. Andere ehemalige Schüler mussten aufgrund der chronischen Unzufriedenheit ihrer Eltern nach ihrem „Zwischenstopp“ an der FSW die Schule weitere Male wechseln. (Eine anonymisierte Liste der Schüler und ihrer bisherigen Schul-Geschichte kann bei mir eingesehen werden.)
Auch persönliche Befindlichkeiten eines ehemaligen Vorstandsmitglieds setzten der Schule zu: Systematisch wurden das Schulamt, neu dazugekommene Eltern und die regionale Presse mit haarsträubend verdrehten und teilweise frei erfundenen Informationen gelockt, verunsichert und aufgehetzt. Gegen den Verursacher läuft zurzeit – unabhängig von der Historie der FSW – eine Gerichtsverhandlung wegen Veruntreuung von Geldern seines ehemaligen Arbeitgebers.
Mir scheint auch, als würden in dem ganzen Prozess einige „Formfehler“ des Schulamts Friedberg gänzlich außer Acht gelassen.
So z.B., dass drei Damen unangemeldet mitten in den Unterricht platzten, ohne Begründung Einsicht in die Schülerakten forderten und mich mit einschüchterndem Verhalten unter Druck zu setzen versuchten, als ich mich weigerte, den Aktenschrank aufzuschließen.
Ebenso, dass die Schulrätin W. mir nach einer Unterrichtsüberprüfung im Reflexionsgespräch wiederholt ins Wort fiel, als ich mich zu dem Vorwurf der Inkompetenz gegenüber meiner Kollegin äußern wollte – jedes Mal mit der Aussage: „Von Ihnen will ich gar nichts hören.“ Dass Frau W. sich während der Reflexionsgespräche als Reaktion auf sachliche und schwer zu widerlegende Argumente anschickte, aufzuspringen und das Gespräch zu beenden, empfand ich nicht nur als wenig kompetent und unhöflich – es zeigte auch, dass sie eine kooperative und konstruktive Auseinandersetzung offensichtlich gar nicht beabsichtigte.
Angesichts von missbilligenden Äußerungen der Schulrätin H. bereits bei ihren ersten Besuchen an der FSW, drängt sich mir der Verdacht auf, dass die Schule von Anfang an in der Schullandschaft des Wetteraukreises nicht willkommen war.
Engagement von Eltern und Lehrern, Lernfreude der Kinder und ein positiver und nachhaltiger Blick in die Zukunft wurden hier mit Füßen getreten. Es kann nicht länger sein, dass das staatliche Schulsystem als das Nonplusultra in den Bereichen Bildung und Zukunft dargestellt wird.
Wir dürften in dem Punkt konform gehen, dass auch die Schulämter lernende Institutionen sein sollten und sich den Herausforderungen einer sich immer schneller verändernden Lebenswelt stellen müssen.
Wünschenswert ist, dass Sorge, Engstirnigkeit und Kompetenzgerangel der Erwachsenen ein Ende finden und man sich gemeinsam für eine Bildung engagiert, die wirklich zum Wohl der Kinder und für eine lebenswerte Zukunft ist.
Projekte wie dieses sollten in der Bildungslandschaft ihre Existenzberechtigung haben.

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage der Schule, www.freieschulewetterau.de, oder kontaktieren mich persönlich.


Mit freundlichen Grüßen,

Es kommt nicht nur der Kopf in die Schule, sondern das ganze Kind.