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Die Kolibris | Freie Schule Wetterau e.V.

Leserbrief Wolfgang Jeensch

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Leserbrief von Wolfgang Jeensch zur Schließung der Freien Schule Wetterau

Mit 37 Jahren Berufserfahrung an öffentlichen Schulen (von einer Grundschule mit Förderstufe bis hin zu einem Gymnasium mit Förderstufe) hatte ich das Vergnügen, Schüler ein halbes Jahr an der Freien Schule Wetterau  in ihrem Lernprozess zu begleiten. Dadurch hatte ich mit Sicherheit einen besseren Einblick in die Schule als das Staatliche Schulamt.

Dessen Juristen und die Richter haben ein Urteil nur vom „Hörensagen“ gefällt.

Wenn dem Staatlichen Schulamt das Wohl der Kinder wirklich das Wichtigste gewesen wäre, dann hätte es die Schule gefördert und nicht die Schließung verfügt. Eltern haben das Wohl ihrer Kinder besser im Auge als weit entfernte Beamte des Staatlichen Schulamtes. Wenn Eltern selbst in zum Teil sehr schwierigen finanziellen Verhältnissen nicht unerhebliche finanzielle Opfer für ihre Kinder bringen, dann haben sie ihre Gründe. Wenn Eltern glauben, ihre Kinder seien an öffentlichen Schulen besser aufgehoben, dann geht es bewussten Eltern ebenfalls um das Wohl ihrer Kinder. Ich habe jedenfalls nie Eltern erlebt, die sich so in Pädagogik eingearbeitet haben und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft sind, wie die an dieser Schule engagierten Eltern. Sie haben zum Beispiel für die Lernbegleiter eine Supervision organisiert, etwas was ich in meiner gesamten Berufstätigkeit an öffentlichen Schulen nie erlebt habe.

Die Argumentation des Staatlichen Schulamtes kann ich nicht vollständig nachvollziehen:

  • das Niveau entspreche nicht demjenigen des jeweiligen Bildungsgangs. 

Auch an einer „normalen“ Grundschule reicht das Spektrum der Schüler vom vermutlich nur praktisch bildbaren bis zum hochbegabten Schüler. Berücksichtigt hat das Staatliche Schulamt auch nicht, dass an der Freien Schule auch Schüler unterrichtet werden, denen die staatliche Grundschule nicht gerecht wurde oder nicht gerecht werden kann. Die Freie schafft dies besser! Nach meinen Erfahrungen ist das Allgemeinwissen der Mehrzahl der Schüler besser als das an öffentlichen Schulen, das Gelernte ist bei ihnen nachhaltiger. Vor allem aber haben sie gelernt selbstständig zu arbeiten und sind damit den mir bekannten Schulen weit voraus. Das vorbildliche Sozialverhalten scheint dem Staatlichen Schulamt  unwichtig zu sein.

  • es gebe keine wissenschaftlich qualifizierte Lehrkraft für Englisch und Sport

Ich habe fast meine gesamte Dienstzeit fachfremd Sport unterrichtet, z.T. mit hoher Stundenzahl, ebenso in den letzten Jahren Ethik. Für dieses Fach gab es meines Wissens keinen qualifizierten Kollegen an meiner früheren Schule. An kleinen Grundschulen gibt es selten wissenschaftlich qualifizierte Kollegen im Fach Englisch.

  • in der Förderstufe werde entgegen der Genehmigung weder Französisch noch Physik unterrichtet.

Was erwartet das Staatliche Schulamt angesichts der geringen Zahl an Schülern in dieser Stufe? Dieser Unterricht ist in der Stundentafel der vergleichbaren integrativen Gesamtschule gar nicht vorgesehen.

Als fast schon dreist empfinde ich die Argumentation des Gerichts, die Genehmigung sei zu versagen, wenn die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte nicht genügend gesichert ist. Keiner meiner Kollegen hat sich darüber beschwert. Angestellte an öffentlichen Schulen mussten sich bis vor kurzem in den Sommerferien arbeitslos melden! Ich jedenfalls verdiente als Teilzeitbeschäftigter etwa doppelt so viel, wie Sie es recherchiert haben. Ich empfehle eine Recherche über die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Kollegen an Waldorfschulen!

 

Fair und angemessen wäre es gewesen, die staatliche Förderung bis zum Ende des Hauptverfahrens zu gewähren, in dem alle Beteiligten hoffentlich gehört werden. Mich beschleicht der Eindruck, dass bei der Schließung die wahren Motive nicht benannt und die juristische Überprüfung fahrlässig oberflächlich geschah.

 

Im Fall der Freien Schule scheint der Trägerverein bewusst finanziell in die Insolvenz getrieben worden zu sein, damit das Ergebnis des Hauptverfahrens für die Betroffenen keine Auswirkung mehr hat.

Es kommt nicht nur der Kopf in die Schule, sondern das ganze Kind.