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Die Kolibris | Freie Schule Wetterau e.V.

Beschwerde zur Schließung der Freien Schule Wetterau an den Amtleiter im Staatlichen Schulamt

Beate Kordalewski

63683 Ortenberg

Herr Donath                                   
Staatliches Schulamt                               
für den Hochtaunuskreis und den Wetteraukreis                   
Mainzer-Tor-Anlage 8
61169 Friedberg

Bleichenbach, 10.2.11


Betreff: Beschwerde zur Schließung der Freien Schule Wetterau

Sehr geehrter Hr. Donath,

wir sind alle sehr bestürzt über den Ausgang unserer Situation und des Verfahrens! Die Briefe Herrn Linharts an unsere Eltern lassen viele Fragen offen, z.B. wer von Ihnen unsere Kinder so gut kennt, um von sich zu behaupten, er/ sie könne „zu ihrem Wohl“ entscheiden! Wir haben und hatten an unserer Schule viele Quereinsteiger, die an ihrer „alten“ Schule garantiert nicht „zu ihrem Wohl“ behandelt wurden. Werden diese Schulen geschlossen? Wir wissen von einigen Eltern, dass dort massenhaft Beschwerdegespräche stattfanden, aber nichts geschah „zum Wohle“ des jeweiligen Kindes! Mit der Folge, dass diese Kinder eingenässt haben, soziale Kontakte extrem scheuten (und dies zum Teil immer noch tun), Versagensängste haben, Schulangst und –müdigkeit zeigten, nervöse Zuckungen haben o. Ä. Warum werden solche Schulen nicht geschlossen? Stattdessen dürfen dort Kinder weiter und ungehindert psychisch und systematisch in ihrer Persönlichkeit zerstört werden! Das ist im Übrigen kein Einzelfall!
Ihre Begründung, unsere Schule sei in ihren Lehrzielen nicht vergleichbar mit denen einer Regelschule, was bedeutet das genau? Wer hat das überprüft? Sind Lehrziele nicht auch Grundkompetenzen wie Teamfähigkeit, Selbstständigkeit usw.? Des Weiteren hatten wir Kinder an unserer Schule, die inzwischen auf Gymnasien gehen, z.B. in Büdingen und Nidda, und dort gut zurecht kommen. Kinder, die an Regelschulen Schwierigkeiten wie Dyskalkulie, LRS oder sonstigen Förderbedarf haben, haben diese auch an freien Schulen! Der Unterschied besteht darin, dass bei diesen Kindern bei einem Wechsel in eine freie Schule der Förderbedarf plötzlich aufgehoben wird. Dieser existiert aber nach wie vor, wir können schließlich nicht zaubern! Gehört das zu einer systematischen Zerstörung von Alternativschulen seitens der Schulämter? Wie kann ein Förderbedarf mit einem Schulwechsel plötzlich verschwinden? Uns wurde nun aufgrund solcher „Fälle“ die „Nicht-Vergleichbarkeit“ angekreidet. Provokativ könnte ich sagen, dass das stimmt, denn bei uns lernen die Kinder nachhaltig und das mit Freude und Engagement und verfügen über herausragende soziale Kompetenzen.
Laut Frau Wiemann dürfen Kinder in der GS nur einmal eine Klasse wiederholen. Wie kommt es dann, dass wir Kinder aus Regelschulen aufgenommen haben, die nach ihrem 5. Schulbesuchsjahr die 3.Klasse bzw. nach ihrem 4. Schulbesuchsjahr die 2. Klasse abgeschlossen haben?
Wieder provokativ könnte ich sagen, wir sind hier offensichtlich nicht vergleichbar, weil an unserer Schule die Kinder die Grundschulzeit von höchstens 5 Jahren nicht übersteigen. Wieso aber sind wir geschlossen worden? Welche Vergleichbarkeit ist denn gemeint? Wer hat denn unsere Kinder überprüft, um so eine Aussage zu treffen? In meiner gesamten Ausbildungszeit ist von verschiedenen Menschen an Schulen und Seminaren gesagt worden „Ihr unterrichtet Kinder und nicht Fächer“. Die traurige Wahrheit ist, dass, so schön diese Aussage auch ist, sie an den meisten Schulen nicht zutrifft. Es gilt immer nur, den „Stoff“ durchzubekommen. Wo das einzelne Kind steht kann doch kein Lehrer/ keine Lehrerin berücksichtigen, bei den überfüllten Klassen. Wo bleibt da das Wohl der Kinder? Da sollte man ansetzen, damit endlich wirklich „Kinder und nicht Fächer“ unterrichtet werden! Freie Schulen und somit auch wir gehen auf die Kinder in ihrer Individualität ein und begleiten sie auf ihrem Lernweg. Keiner kann den Kindern etwas eintrichtern! Das hat noch nie funktioniert. Entsprechend Maria Montessoris Grundsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ gibt es auch ein chinesisches Sprichwort:

„Erkläre mir und ich vergesse.
Zeige mir und ich erinnere mich.
Lass mich tun und ich verstehe.“

Ich halte beide Aussagen für richtig und sehr wichtig, trotzdem ist es nicht sinnvoll, diese auf italienisch und chinesisch auswendig zu lernen. Es ist auch bei solchen Aussagen wichtig, sie erst zu leben und nach ihnen zu handeln, um sie verstehen zu können. Ich durfte auf diese Weise mit meinen Schülerinnen und Schülern, meinen Kollegen, unseren Eltern und unserem Vorstand 5 Schuljahre lang arbeiten, dafür bin ich sehr dankbar!
Das sollte in den Schulen praktiziert werden, selbst tun und sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen, um sie begreifen zu können. Auch das Wort „begreifen“ spricht für sich Bände! Stattdessen habe ich aber z.B. in einem Unterrichtsbesuch von Frau Wiemann zu hören bekommen, ich solle Spielgeld, aber kein echtes Geld für meinen Unterricht nehmen. Warum nicht, genau das gehört doch zur Lebenswelt der Kinder! Sie wollen sehen, anfassen, handeln und damit verstehen! Warum wird das nicht an allen Schulen praktiziert?
Schulen sollten Orte der Begegnung und des gemeinsamen Lernens sein. Das müssen meiner Ansicht nach alle Schulen von sich behaupten können. Dass das an sehr vielen Schulen nicht der Wirklichkeit entspricht, ist traurige Wahrheit! An vielen Schulen werden Kinder zu Alleinkämpfern und zur Konkurrenz erzogen. Jeder ist mitverantwortlich für die Zukunft! Wie soll eine nachhaltige Entwicklung geschehen, wenn wir all unsere Mitmenschen als Konkurrenten sehen? Sind Schulen nicht in der Pflicht, unsere Kinder zu freien, selbstständigen und veranwortungsbewussten Persönlichkeiten heranzubilden? Unser Ziel kann nicht sein, die Schulen, die darauf hinarbeiten, zu schließen.
Hat sich jemand von Ihnen auf dem Amt gefragt, was Sie mit einer Schließung erreichen?
Sie erreichen, dass
-    die Kinder zum Teil auf ihre verhasste alte Schule zurück müssen und deswegen in einer sehr schlechten seelischen Verfassung sind.
-    die Kinder ihre Freunde und ihre gewohnte Umgebung verlieren (was unter anderem besonders für Grundschüler ein gravierender Einschnitt in ihre Persönlichkeit ist, aber auch für Kinder, die wieder angefangen haben, soziale Kontakte anzunehmen!).
-    Kinder ihre Vertrauens- und Bezugspersonen verlieren (auch das ist besonders für oben genannte Kinder ein gravierender Einschnitt in ihre Persönlichkeit!).
-    die Kinder sehen, dass ihr eigenes und das enorme Engagement ihrer Eltern mit Füßen getreten werden!
-    die Kinder, um die es ja geht, sich übergangen, nicht gehört und nicht gesehen fühlen!
-    die Kinder wütend sind, dass über ihre Köpfe hinweg über sie entschieden wird, angeblich „zu ihrem Wohl“, obwohl sie keiner vom Schulamt auch nur ein wenig kennt!
-    die Kinder lernen, dass ein Amt ihren Eltern nach Lust und Laune das Recht nehmen kann, die für sie passende Schule wirklich selbst zu wählen!
-    die Kinder lernen, dass die Aussage „zum Wohle des Kindes“ die Kinder ausschließt und dass sie plötzlich keine Rolle spielt, wenn Kinder mitten im Schuljahr die Schule wechseln sollen (oder ist ein Wechsel der gewohnten Umgebung und der Freunde ebenfalls „zum Wohle der Kinder“?).

Ein wichtiger Artikel des Grundgesetzes ist Artikel 1 Absatz (1), der besagt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und sie zu achten und zu schützen die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt ist. Leider bleibt auf zu vielen Schulen die Würde der Kinder auf der Strecke! Werden diese Schulen geschlossen?
Ein weiterer Artikel des Grundgesetzes ist Artikel 2 Absatz (1) und (2), in dem es um das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit geht und um das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Mir ist nicht bekannt, dass dieser Artikel Kinder ausschließt, denn Artikel 3 des Grundgesetzes besagt, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind!
In welcher von Ihnen als „gut“ betitelten Schule dürfen Kinder ihre Persönlichkeit entfalten? Werden Schulen, die diesen Artikel nicht leben und nicht nach diesem handeln, geschlossen?

Und noch einige Fragen zum Schluss:
Wer überprüft Regelschulen?
Wer überprüft an Regelschulen die Studenten und Menschen (wie ich), mit „nur“ erster Staatsprüfung? Die Aussage, es gäbe an Regelschulen genügend Fachkräfte, ist mehr als lächerlich, da hier auch Lehrkräfte fachfremd unterrichten und welche ohne 2. Staatsexamen eingesetzt werden. Außerdem findet kaum Teamarbeit statt, was ich aus eigener Erfahrung sagen kann! Vielmehr herrscht an den meisten Schulen eher Konkurrenzverhalten und ein Kampf gegeneinander. Wo bleibt hier Artikel 3 des Grundgesetzes, alle Menschen seien vor dem Gesetz gleich? 
Ich stelle nochmals die Frage, die ich in meinem letzten Beschwerdebrief an Sie schrieb:
Offensichtlich haben die verschiedenen Schulämter des Landes Hessen eine unterschiedliche Vorgehensweise. Es muss doch zu Unterrichtsbesuchen und auch bei Überprüfungen von Schulen einen Kriterienkatalog oder Richtlinien geben. Oder sind wir als Privatschule der Willkür der überprüfenden Person ausgeliefert?
und
Warum wird nicht unser Konzept berücksichtigt? Sie begründen die Schließung unserer Schule mit der Aussage, wir würden unser Konzept nicht umsetzen. Wer hat das im Schulalltag überprüft? Warum wurde dieses bei den Unterrichtsbesuchen nicht berücksichtigt, vielleicht, um uns hinterher vorzuwerfen, wir würden nicht danach arbeiten?

Ich kann ihre Entscheidung nicht nachvollziehen. Die einzig richtige Vorgehensweise kann nur sein, den Sofortvollzug der Schließung zurückzuziehen. Alles andere hält für vernünftig und modern denkende Menschen keiner Argumentation stand. Was hier mit unseren Kindern, unseren Eltern, uns und damit mit unserer Schule veranstaltet wird ist unglaublich! Ich erwarte auf meine Fragen eine klärende Antwort. In ihrem letzten Antwortbrief hat Herr Linhart in Ihrem Namen sehr knapp zurück geschrieben und blieb mir alle Antworten schuldig. Ich hoffe, dieses Mal ist es anders und ich bekomme Antworten auf meine tatsächlichen Fragen und nicht fadenscheinige Antworten auf Fragen, die ich nicht gestellt habe!


Mit freundlichen Grüßen

Beate Kordalewski

 

Es kommt nicht nur der Kopf in die Schule, sondern das ganze Kind.